Oktober 2021

Wieviel und was für Bewegung ist normal?

150 min sollten Erwachsene sich den aktuellen >Bewegungsempfehlungen < des Bundesgesundheitsministeriums zu Folge pro Woche ausdauerorientiert bewegen. Das sind 1,49% der Gesamtwochenzeit!  

Und dennoch schaffen dies laut des Berichts >Gesundheitsfördernde körperliche Aktivitäten in der Freizeit bei Erwachsenen in Deutschland< des RKI (2017) nur 42 (Frauen) bzw. 48 (Männer)%; schließt man die Empfehlung der zweimal wöchentlichen Muskelkräftigung mit ein, sind es sogar nur 20-25%.

Was war denn ursprünglich das Bewegungspensum, welches für unseren Körper normal war?

Mit dem wir gesund waren und leistungsfähig.                                                                                                

Wenn wir von den Grundbedürfnissen ausgehen, brauchen wir zumindest Wasser, Nahrung und Wetterschutz.

Weißt Du, wieviel Wasser Du pro Tag verbrauchst? Wieviel kg müsstest Du tragen, wenn Du es von der nächsten Quelle holen müsstest? Und wie viele km dabei gehen? Und etwas schwieriger einzuschätzen, wieviel Zeit und Kilometer kämen durch Sammeln und Jagen zustande? Oder beim Bäume fällen, um eine Hütte zu bauen? Wieviel Kilogramm müssten transportiert und in die passende Position gebracht werden?

„Einen genaueren Einblick in die evolutionsbezogenen Formen und den natürlichen Umfang von körperlichen Aktivitäten erhält man u.a. bei einer Betrachtung der Lebensräume und der motorischen Aktivitäten der Urmenschen. Im täglichen Überlebenskampf in ihren ca. 40x40km großen Revieren entwickelten und nutzten sie genau jene motorischen Grundfertigkeiten – Gehen, Laufen, Halten, Tragen, Ziehen, Schieben, Klettern, Balancieren etc. – die auch heute noch als grundlegende und natürliche motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten bezeichnet werden.“

(Lagertsröm: Friluftsliv – ein nordischer Weg zur Bewegungskultur? In: Liedtke/Lagerström (Hrsg.) >Friluftsliv<, Meyer&Meyer, 2007)

Was ist von diesem Bewegungsumfang und -repertoire noch übriggeblieben? Vieles wird heutzutage von Maschinen (oder anderen Menschen) erledigt. Statt stundenlanger Ausdauer- und Kraftanstrengungen kommen wir mit vergleichsweise wenig Aufwand durch den Alltag. Klettern oder Balancieren – im Alltag quasi nicht mehr vorhanden. Ein Standard der als „normal“ angesehen wird. Bewegung ist mit Ausnahme einiger Berufe etwas, was hauptsächlich in der Freizeit vorkommt – wenn man denn zu den „sportlichen“ Personen zählt.

„Vom biologischen Bauplan gleichen wir Menschen auch heute noch unseren Vorfahren, (. . .) Wir verfügen entsprechend über ein sehr gut entwickeltes Herz-Kreislauf System, ausdauernde Muskeln und einen dafür geeigneten Stoffwechsel.

Die nur geringe Beanspruchung unseres Körpers in einer modernen, technisierten Zivilisation muss daher zu Störungen dieser Organe mit entsprechenden gesundheitlichen Auswirkungen führen.“

Ziegler/Reer/Braumann >Bedeutung der Bewegung für Gesundheit aus medizinischer Sicht< in: Liedtke/Lagerström (Hrsg.) >Friluftsliv<, Meyer&Meyer, 2007

 

Über Stunden körperlich aktiv zu sein war also normal; teilweise mit sehr hoher Intensität durch schweres Tragen oder Hetzjagden, teilweise in einem Intensitätsbereich, der sich der modernen Vorstellung von „Training“ im Sinne von Herz-Kreislauf-Belastung entzieht, welcher aber viele Bewegungen am sowie Aufstehen vom Boden enthielt.                                                                         

Letzteres ist ein Punkt, der eine Bewegungsvielfalt beinhaltet, wie wir sie höchstens noch bei Kleinkindern sehen; welcher aber nicht nur Beweglichkeit fördern würde, sondern sich auch in den Alltag integrieren lassen würde!

Ein weiterer Punkt, der sich der Trainingsbetrachtungsweise >Herz-Kreislauf< und >Kraft< entzieht, sind die Umstände, unter denen diese Bewegungen ausgeführt wurden: nicht auf Tartanbahn oder Asphalt oder in einem Gebäude an Geräten sitzend; da waren Faktoren wie sich ständig ändernder Untergrund, weiche Moospolster, federnder Nadelwaldboden, tiefgründiger kraftraubender Laubwaldboden, bergauf und ab oder im Hang entlang, über Kies oder Steinfelder, mit Hindernissen, die überwunden werden mussten.                                                                 Die schweren Gegenstände, die transportiert werden mussten, hatten keine praktischen, genormten Griffe und das Ganze wurde unter Umständen durch Regen, Wind und Schnee erschwert.

Wenn Du dies liest, liegst Du was die rein zeitliche Bewegungsempfehlung angeht, vielleicht sogar über dem „Soll“. Wie sieht es jedoch mit Bewegungsvielfalt und Anpassung an die Umwelt aus?     

Bei all den vielen Bewegungen, Gelenkwinkeln, Griff- und Tragevarianten, die ursprünglich automatisch vorkamen, ist es nicht verwunderlich, dass durch eine Reduktion auf einige wenige Bewegungen, welche unter sehr ähnlichen äußeren Bedingungen stattfinden – quasi eine Art Fließbandarbeit – selbst bei den „Aktiven“ Probleme auftreten.

Dies soll kein Plädoyer für eine Rückkehr zum „Steinzeit-Leben“ sein, sondern schlichtweg dafür sensibilisieren, was uns an Bewegungsnährstoffen fehlt. Wenn schon 5x30min „Fließband-Bewegung“ einen so großen gesundheitlichen Effekt haben – welches Riesen-Potential haben wir dann noch: wieviel besser kann man sich fühlen, wenn man ein paar mehr Variablen berücksichtigt?!