Januar 2022

Bewegen und Trainieren - Unterschiede und Nutzen

Trainieren wird die gezielte, geplante sportliche Betätigung mit dem Ziel der Leistungsverbesserung oder -erhaltung genannt.                                                                                                                                                                                             Hinter einem Training steht eine Intention; man räumt sich dafür ein Zeitfenster ein – und egal ob dieses 3 oder 30 Stunden pro Woche sind – es ist begrenzt.

 

Bewegen hingegen ist jede Form körperlicher Aktivität – auch wenn diese nicht Kriterien wie einen gewissen Prozentsatz der Maximalkraft oder der maximalen Herzfrequenz sowie gewisse Dauer/Wiederholungsvorgaben trifft.

 

Zwei Beispiele zum Verständnis:

Walken (= trainieren)  versus   zu Fuß Lebensmittel einkaufen  (= in den Alltag integrierte Bewegung)

Rennrad/MTB (= trainieren)   versus   mit dem Rad zur Arbeit (= in den Alltag integrierte Bewegung)

 

Aus Bewegungs-Sicht fast noch interessanter ist jedoch Bewegung in typischerweise bewegungslosen Zeiten z.B. statt in sehr ähnlichen Winkel am Frühstückstisch, vor dem PC und vor dem Fernseher zu sitzen sich auf den Boden zu setzen – wenn man im Schnitt 50x am Tag aufsteht und dies vom Boden statt vom Stuhl stattfindet, ist eine ganz andere Kraft und beim Sitzen selbst mehr Beweglichkeit gefordert. Automatisch finden auch mehr Positionswechsel statt.

 

Pluspunkte von im Alltag integrierter Bewegung sind

* die „unbegrenzte“ Zeit (praktisch gesamte Wachzeit)

* dass die Bewegung bei plötzlichem Stress / Zusatzterminen nicht komplett wegfallen kann

* es an die eigene Situation anpassbar ist und

* die inaktive Sitz-Zeit gesundheitlich aufgewertet werden kann (Vgl. Blog-Artikel Jäger&Sammler, Läufer&Dauersitzer)

 

„Das bringt doch nichts“ – denkt man aus Trainingsperspektive schnell; 50 einzelne tiefe Kniebeugen über den Tag verteilt statt „normal“ als 5x 10Wdh?

 

Was gibt uns Hinweise zum Nutzen von über den Tag verteilter Bewegung unterschiedlicher Intensität?

Aus Jäger und Sammler Sicht wären 5x10 Kniebeugen völlig unnormal. Ihr Leben besteht aus Bewegung – deutlich mehr als durchschnittlich in Zivilisationsgesellschaften erreicht wird (Vgl. Blog-Artikel Jäger&Sammler, Läufer&Dauersitzer) und bei ihnen zeigen sich -im Gegensatz zu uns- keine Anzeichen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Kraftverlust. Auch sind bei uns typische Bewegungseinschränkungen, die z.B. das Einnehmen einer tiefen Hockposition verhindern, nicht denkbar.

Durch Christopher Mc Dougalls >Born to run< wurden die in Mexiko lebenden Tarahumara als herausragende Ultraläufer bekannt. Als Daniel Lieberman (>Exercised< 2021) nach Mexiko reiste, um Füße und Biomechanik der Tarahumara zu untersuchen, war er überrascht:

 „Despite their reputation as extraordinary runners, I hadn’t seen a single Tarahumara running anywhere, (. . ). But I did observe them to be hard workers and indefatigable walkers.“

Als Selbstversorger vom Ackerbau lebend, kommt Laufen nur auf Jagden oder in Rahmen von Festen bei den Rarajipari Läufen vor.

( . . ) he hunted deer on foot by running them down and sometimes danced for days in ceremonies. Ernesto told me he was a champion runner in his youth and that he still competed in several races a year. But when I asked him how he trained, he didn’t understand the question. When I described how Americans like me keep fit and prepare for races by running several times a week, he seemed incredulous. As I asked more questions, he made it pretty clear he thought the concept of needless running was preposterous. ‚Why,‘ he asked me with evident disbelief, ‘would anyone run when they didn’t have to?‘ “   

Anscheinend reicht die tägliche Feldarbeit plus dabei zurückgelegte weite Gehstrecken aus, um das gelegentliche Laufen von langen Ultradistanzen zu ermöglichen.

Etwas was aus Athletensicht eine gewisse Bestätigung erfährt: der norwegische Skilangläufer Kjell-Christian Markset berichtet, wie er im Sommer vor seiner besten Juniorensaison als Waldarbeiter jobbte; etliche norwegische Spitzenlangläufer sind auf einem Bauernhof aufgewachsen; Markset sieht die ganztägige körperliche Aktivität als gutes Robustheit-gebendes Grundlagentraining  -  sowohl physiologisch als auch Bewegungsmuster/-kompetenz angehend.  (Vortrag bei der Idrett Öko konferansen 2015;  https://athletesforfarming.com/2021/12/08/idrett-og-okologisk-jordbruk-en-potensiell-superduo-foredrag-idrett-oko-konferansen-hosten-2015/)

 

Zurück zu unserem Alltag:

Es geht nicht darum mit dem Training aufzuhören.

Ich sehe >Bewegen< als Chance -

* für (insgesamt) mehr Bewegung;

* für mehr Bewegungsvielfalt (als man sie in seinen Lieblingsportarten bekommt),

* dem Körper etwas Gutes zu tun indem er ein bißchen mehr von dem bekommt wofür er ausgelegt ist.

Ob man

* die Umgebung umgestaltet (Stühle wegstellen/ täglich benutzte Dinge bewusst weit oben oder unten in den Schrank sortieren -> Zusatzkniebeuge/Klettern/Strecken) und somit Bewegung „entstehen lässt“,

* aktivere Transportmittel wählt oder

* verschiedene Bewegungs-Snacks in den Alltag integriert

      – unterschätze nicht was schon ein paar Minuten jeden Tag auf lange Sicht bewirken können!

Nutze die Chance und probiere aus, was sich für Dich gut umsetzen lässt und Dir den größten Nutzen bringt.