November 2021

Über Jäger & Sammler, Läufer und Dauersitzer

„Until a few hundred generations ago, all human beings were hunter-gatherers and until about eighty thousand years ago everyone’s ancestors lived in Africa.“

Daniel Lieberman, Exercised (2021)

Unter anderem um einen Einblick zu bekommen, was ein für Menschen „normaleres“ Bewegungsverhalten wäre, als wir es praktizieren, werden deshalb heute noch als Jäger und Sammler lebende Stämme in Afrika zu allen möglichen Aspekten untersucht.

Raichlen et al. (2017) stellten dabei für die Hadza aus Tansania fest, dass sie im Durchschnitt täglich 2:14h mit „moderate to vigorous activities“ verbrachten, sowie 3:40h mit „light activities“ und 9:40h mit „rest/light work“.

2:14h pro Tag – also fast das was uns pro Woche in dieser Intensitätskategorie empfohlen wird!

Die >Ausruh/leichte Arbeit (im Sitzen)< Kategorie liegt zeitmäßig hingegen etwa im selben Rahmen wie in Europa/den USA.

Das ist dahingehend überraschend als diese bei uns als Risikofaktor für Herzkreislauferkrankungen gilt; und zudem festgestellt wurde, dass die negativen Effekte des Sitzens mit einem mehr an Training nicht vollständig eliminiert werden können.                  Bei den Hadza waren jedoch keine Risikofaktoren für Herzkreislauferkrankungen feststellbar!

Evolutionär wäre es auch einleuchtend nicht unnötig aktiv zu sein und Energie zu verbrauchen, wenn man bereits das Tagespensum an Jagen und Sammeln erledigt hat – das man davon krank wird und somit schlechtere Überlebenschancen hat, erscheint keinen Sinn zu ergeben.

Deshalb schauten sich Raichlen et al. (2020) noch einmal gesondert diese vermeintlich inaktiven Phasen an, um Unterschiede zu den Ausruhphasen im „modernen Lebensstil“ zu finden und konzentrierten sich hierbei auf die Muskelaktivität in den Beinen.    [die fehlende Muskelaktivität beim Sitzen auf Stühlen war in anderen Studien als verantwortlich für weniger Lipoprotein-Lipase und damit höhere Triglycerid- und Cholesterol-Werte angesehen worden]

Denn während wir die >Ausruh/leichte Arbeit< Zeit hauptsächlich in Stühlen und Sesseln verbringen, macht das „chair-style sitting“ bei den Hadza nur 4 % der Zeit aus. Rund 50% der Zeit wird am Boden gesessen, etwa 18% (=2h!) gehockt und 12% der Zeit im Knien verbracht.

Während die Muskelaktivität im Knien nicht gemessen wurde, zeigten sich für andere Positionen, insbesondere für das Hocken Werte zwischen 20 und 40% der jeweiligen beim Gehen auftretenden Muskelaktivitäten - und damit mehr Aktivität als im Stehen.

Somit könne im Vergleich zum Stuhl-basierten Sitzen eher von einem „aktiven Ausruhen“ gesprochen werden.

„We suggest human physiology is adapted to more consistent muscle activity throughout the day associated with a combination of both physical activity and nonambulatory time spent in active rest postures.“

 

Auch wenn heute lebende Jäger und Sammler kein perfektes Abbild früherer Jäger und Sammler darstellen, es sicher regional und saisonal Unterschiede bezüglich der Aktivität gibt und bei Herzkreislauferkrankungen auch die Ernährung noch eine Rolle spielt, ist dies doch ein deutlicher Hinweis, dass Ausruhen normal ist, ein komplettes „Stoffwechsel-runterfahren“ durch eine praktische schwerelose Position jedoch nicht.

Oder um auf den Titel zurückzukommen: unsere Körper sind fürs Gehen und Laufen wunderbar geeignet, für das was wir in der Restzeit machen jedoch nicht.

„The ways in which urban populations rest, rather than the amount of time spent resting, represents an inactivity mismatch with an evolutionary relevant hunting and gathering lifstyle.“

 

 

 

Raichlen et al (2017) Physical activity patterns and biomarkers of cardiovascular disease risk in hunter-gatherers, American Journal of Human Biology

Raichlen et al (2020) Sitting, squatting, and the evolutionary biology of human inactivity, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America