Anfang Dezember 2021

„Fit wie ein Turnschuh“? Oder eher unbeweglich wie ein Turnschuh?
 

Ein Fuß ist an sich beweglicher als die meisten konventionellen Sport-/Schuhe – und wird somit am Bewegen gehindert, wenn er im Schuh steckt. Und: die Einschränkung und entstehende Veränderung betrifft nicht nur den Fuß!

Während bei High heels jedem bewusst ist, dass diese Art von Schuhen für Füße und Körper nicht gesund ist, geht man bei flachen Schuhen oder gar Sportschuhen erstmal nicht davon aus.
 

Was genau machen Schuhe mit uns? Was sind die Problempunkte?
 

Fersenerhöhung

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In sehr vielen Sport- und Alltagsschuhen ist die Ferse höher als der Vorfuß – ein kleiner Absatz, der den Körper zu einer anderen Haltung zwingt.

Ohne Anpassung stände man wie die mittlere Figur in der Abbildung.

Um nicht umzukippen wird nicht nur der Winkel im oberen Sprunggelenk geändert – und damit die Länge der Achillessehne und der Wadenmuskulatur - sondern je nach individueller „Strategie“ auch die Gelenkpositionen von Knie, Hüfte und Wirbelsäule.

Zusätzlich verändert sich die Druckverteilung mit einem größeren Anteil des Körpergewichtes auf dem Vorfuß.

Steife Sohle
 

Viele Schuhe habe eine relativ dicke und steife Sohle.

Um das Abrollen beim Gehen zu ermöglichen oder erleichtern, wird die Sohle vorne hochgezogen, was als „toe spring“ bezeichnet wird (s. Abb).

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"On the bare, natural foot the digits rest flat, their tips grapsing the ground as an assist in step propulsion. Inside the shoe, the digits are lifted slantwise off the ground, unable to fulfill their natural ground-grasping function.“  William Rossi

In diesem Bereich ist die Sohle manchmal auch konkav, um den Fuß im Schuh schlanker und weniger voluminös erscheinen zu lassen.

In Kombination mit der bereits erwähnten veränderten Druckverteilung führt dies zu noch mehr Belastung im Vorfußbereich.

 

Platz für die Zehen?!

Viele Schuhe haben eine andere, engere Form als der Fuß – welcher sich allmählich anpasst und zu einem „schuhgeformten“   Fuß wird.

Warum merkt man dies nicht? Nun, die Füße gewöhnen sich an die Enge; und unter Umständen kann dies sehr schnell gehen.

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Ein Beispiel: Die einzigen konventionellen Schuhe, die ich noch benutze, sind Skilanglaufschuhe: Beim ersten Anziehen sind sie unangenehm eng. Nachmittags bereits nicht mehr so eng und am nächsten Tag ist von Einengung nichts mehr zu spüren . . .

Für etliche Personen war erst nach einigen Schuh-freien Homeoffice-Wochen zum ersten Mal spürbar, dass ihre Schuhe (zu) eng sind.

Eine Vorliebe für enge bzw. spitzzulaufende Schuhe steht zudem im Zusammenhang mit der Entstehung eines Hallux valgus – etwas was man zumindest möglichst frühzeitig wissen sollte.

„Although a range of factors can predispose an individual to hallux valgus including genetics, congenital structural variations in the alignment of the metatarsals, and muscle imbalance, the most common cause is wearing tight, ill-fitting footwear with a pointed toe-box.“ Dittmar et al.

 

„Many women with mild HV are unaware of their potential foot problems and do not visit the clinic until the condition deteriorates, perhaps resulting in a deformity. This is perhaps an indication of a lack of foot health education.“                               Al-Abdulwahab und Al-Dosry

 

Veränderter Bewegungsablauf

Durch den „Absatz“ ist die Ferse weiter vom Boden entfernt und damit die Landesituation „wackliger“. Um das Auftreffen am Boden besser kontrollieren zu können verschiebt sich der Kontaktpunkt Richtung Außenkante.

Im Bereich des Quergewölbes folgen die bereits oben genannten Mehrbelastungen mit besonders mittig mehr Druck.

Die Zehen können der normalen Arbeitsweise durch den toe-spring nicht nachkommen. Und der „Abdruck“ von der Großzehe, die aufgrund der Schuhform oft nicht an ihrem normalen Platz ist, leidet auch noch unter der „verkürzten“ Wadenmuskulatur.

 

„Normal“ Gehen?

Normal für eine in Schuhen aufgewachsenen Gesellschaft- ja.

Wenn man mit normal jedoch ein natürliches Gangbild meint – nein.

 

„In shoe-wearing societies a visibly faulty gait can often be corrected and made normal, but it can never be made natural as long as conventional shoes are worn.“  William Rossi

 

Mittlerweile findet man oft Angaben zur Sohlendicke, zur Sprengung (Höhenunterschied Vor-/Rückfuß) und weiteren Faktoren, so dass man eine bewusste Entscheidung treffen kann.      

Und glücklicherweise gibt es auch immer mehr Schuhhersteller, die flache, fußgeformte und flexible Schuhe herstellen. Und sogar Modelle, die einen Übergang von herkömmlichen zu fußfreundlicheren Schuhen erleichtern.

Gönn Deinen Füßen mehr Bewegungsfreiheit!

 

„It took four million years to develop our unique human foot and our consequent distinctive form of gait, a remarkable feat of bioengineering. Yet, in only a few thousand years, and with one carelessly designed instrument, our shoes, we have warped the pure anatomical form of human gait, obstructing its engineering efficiency, afflicting it with strains and stresses and denying it its natural grace of form and ease of movement head to foot.“  William Rossi

 

Al-Abdulwahab und Al-Dosry (2000), Hallux valgus and preferred shoe types among young healthy saudi arabian females, Annals of Saud Medicine, Vol 20

 

Dittmar et al (2021) Fancy shoes and painful feet: Hallux valgus and fracture risk in medieval Cambridge, England,   International Journal of Paleopathology -article in press-

Rossi (1999) Why shoes make „normal“ gait impossible. How flaws in footwear affect this complex human function, Podiatry Management